Stadtflucht: Lohnt sich der Umzug aufs Land?

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Mehr Natur, geringere Wohnkosten. Das Landleben hat Vorteile gegenüber dem Leben in der Stadt. Vor einer überstürzten Stadtflucht sollten Großstädter aber auch die Nachteile kennen – wir machen den Vergleich.

Stadtflucht, Blick auf Dorf im Grünen, Foto: Christian Schwier / stock.adobe.com
Immer mehr Großstädter zieht es aufs Land – sie wagen die Stadtflucht. Damit die Idylle nicht zur Preisfalle wird, sollten sie sich vor dem Umzug über das Leben auf dem Land informieren. Foto: Christian Schwier / stock.adobe.com

Die Corona-Pandemie hat viele Großstadtbewohner zum Umdenken bewegt: Das ifo Institut und immowelt haben in einer gemeinsamen Studie im Sommer 2021 herausgefunden, dass 13 Prozent der Großstädter binnen zwölf Monaten aus der Stadt wegziehen wollen. Ihre Beweggründe sind mehr Wohnfläche, Aufbesserung der Wohnverhältnisse und Naturnähe – diese Großstädter zieht es raus aufs Land. Das Ende der Urbanisierung und der Beginn einer Stadtflucht?

Info

Wo hört Stadt auf und fängt Land an?

Die Grenze, wann ein Dorf zu einer Stadt wird, ist in Deutschland in der Theorie klar gezogen: Generell gilt, dass sich eine Gemeinde als Stadt bezeichnen darf, wenn sie mehr als 2.000 Einwohner hat. Für Stadt-Forscher kommen allerdings einige weitere Merkmale hinzu, damit eine Stadt zur Stadt wird. Demnach muss eine Stadt ein Zentrum, also einen Stadtkern, und eine zentrale Verwaltung haben. Zudem kommen in eine Stadt Menschen aus dem Umland zum Arbeiten, Einkaufen und um zur Schule zu gehen. Eine Kleinstadt hat zwischen 5.000 und 20.000 Einwohner und in einer Mittelstadt leben 20.000 bis 100.000 Menschen – alles darüber gilt in Deutschland als Großstadt.

Doch inwiefern unterscheiden sich Leben, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen in Stadt und Land eigentlich? Hier findest du Antworten auf diese Fragen.

Stadt versus Land: Wohnen

Seit Jahrhunderten ziehen Menschen aus ländlichen Regionen  und Dörfern in die Städte. Mit Folgen: In den meisten deutschen Großstädten herrscht Wohnungsknappheit und die Mieten sind dementsprechend teuer.  Alleine im Zeitraum zwischen 2016 und 2021 sind die Mieten beispielweise in den Metropolen Berlin (+ 42 Prozent), München (+24 Prozent) oder Stuttgart (+27 Prozent) deutlich zweistellig angestiegen, wie die immowelt Studie 80 Großstädte im 5-Jahresvergleich zeigt.

Allerdings raten Wohnexperten, dass nicht mehr als ein Drittel des Nettoeinkommens für die Miete ausgegeben werden sollte. Focus.de hat mithilfe des Postbank Wohnatlas die Regionen in Deutschland identifiziert, wo das mit einem mittleren Einkommen für eine durchschnittliche 68 Quadratmeter Wohnung noch möglich ist. Ergebnis: In 188 von 401 Regionen geht das – Großstädte sind darunter mit Chemnitz (Sachsen), Hagen, Remscheid und Mülheim an der Ruhr (alle NRW) nur vier. Der Rest der verhältnismäßig günstigen Wohnorte befindet sich ausschließlich in ländlichen Gebieten. Am derzeit günstigsten ist es in Höxter, wo 26 Prozent des dortigen durchschnittlichen Einkommens für eine 68 Quadratmeter große Wohnung ausreichen.

Eine immowelt Studie hat herausgefunden, dass viele Stadtflüchtige in eine kleinere Großstadt (40 Prozent) oder in den Speckgürtel (30 Prozent) ziehen wollen. Dort sind die Gegensätze zur Großstadt nicht ganz so eklatant wie auf dem Dorf. Dementsprechend hat die Nachfrage nach Häusern, die sich im 40-Minuten-Radius um die Großstadt befinden, zwischen 2015 und 2020 teilweise stark zugenommen. Rund um München und Köln sind die Anfragen pro Objekt im Speckgürtel beispielsweise doppelt so stark gestiegen wie innerhalb der Stadtgrenzen.

Die Nähe zu den Ballungsräumen treibt gleichzeitig aber auch die Preise nach oben: Zwischen 2019 und 2021 sind beispielsweise die Mietpreise in den an München angrenzenden Landkreisen Ebersberg (plus 37 Prozent) und Dachau (plus 47 Prozent) enorm gestiegen.

Stadt versus Land: Arbeit und Mobilität

Stadtflucht, Stau auf der Autobahn, Foto: Manfred Steinbach / stock.adobe.com
Jeder Pendler kennt es: Stau auf dem Weg zum Arbeitgeber in der Großstadt. Foto: Manfred Steinbach / stock.adobe.com

Ob Speckgürtel oder noch ländlicher, in der Stadt befinden sich die Unternehmen, zu denen die Menschen aus dem Umland täglich pendeln. Entsprechend voll sind zur Rush-Hour die Straßen und Züge – das Pendeln kostet Zeit und Geld.

Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich durch Home-Office und den Wegfall des Arbeitsweges für viele Berufstätige die Work-Life-Balance verbessert. Für das Arbeiten nach Corona wünschen sich die meisten Deutschen eine Mischung aus Home-Office und Büro. Einer immowelt Studie zufolge favorisieren 23 Prozent drei Tage Home-Office und zwei Tage im Büro.

Entsprechend haben sich auch die Ansprüche an die eigenen vier Wände geändert: Das Arbeiten von zuhause erfordert oft mehr Platz – den gibt es in der Regel eher auf dem Land. Außerdem fällt durch den Home-Office-Anteil der Vorteil aus der Nähe zum Arbeitsplatz nicht mehr so groß aus.

Auf der anderen Seite benötigen viele Arbeitnehmer für das Arbeiten von zuhause eine schnelle Internetverbindung, die in vielen ländlichen Gegenden Deutschlands nach wie vor nicht vorhanden ist.

Achtung

Bei den meisten Landbewohnern ist mindestens ein Auto pro Familie vorhanden und auch notwendig, da oft das Bus- und Bahnnetz nur unzureichend ausgebaut ist. Das sollten Stadtbewohner, die raus aufs Land ziehen wollen und bislang ohne eigenes Auto ausgekommen sind, in ihrer Kalkulation berücksichtigen.

Stadt versus Land: Schule und Ausbildung

Stadtflucht, Grundschüler lernen mit Buch und Laptop, Foto: Robert Kneschke / stock.adobe.com
Schnelles Internet ist auf dem Land nicht nur in vielen Grundschulen Mangelware. Foto: Robert Kneschke / stock.adobe.com

Die Corona-Pandemie und Homeschooling haben auch im Schulwesen ein großes Problem zu Tage gefördert: Nur 16 Prozent der Bildungseinrichtungen auf dem Land haben schnelles Internet – in der Großstadt sind es 70 Prozent. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung im Juli 2021 auf eine Anfrage der FDP-Fraktion hervor. Um diesen Umstand zu ändern, plant der Bund in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro im Rahmen des „Digitalpakts Schule“ zu investieren.

Ansonsten gibt es in Sachen Bildung keine großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Das ist das zentrale Ergebnis eines Gutachtens, das der Aktionsrat Bildung 2019 veröffentlicht hat. Eine bildungsbezogene Benachteiligung ländlicher Regionen lasse sich demnach nicht belegen. Auf dem Land gebe es zwar mehr Ausbildungsmöglichkeiten, dafür etwas weniger Abiturienten als in der Stadt. Dorthin müssen Landkinder auch, wenn sie auf das Gymnasium gehen wollen – zum Studieren sowieso. Eine Grundschule gibt es dagegen meist in der eigenen Gemeinde oder zumindest im Nachbarort.

Stadt versus Land: Einkaufen

Sehr große Unterschiede werden Stadtmenschen nach einer Stadtflucht dagegen bei den Einkaufsmöglichkeiten auf dem Land bemerken. Gibt es in vielen kleineren Orten oft zumindest noch einen Bäcker und Metzger, müssen die Dorfbewohner für den Einkauf im Supermarkt schon in die nächstgrößere Gemeinde fahren – von Shoppingcentern und Fußgängerzonen mit Läden ganz zu schweigen.

Wegen der fehlenden Möglichkeiten ist das Onlineshoppingverhalten auf dem Land nicht erst seit dem Lockdown während der Coronapandemie ausgeprägter als in der Stadt: Eine Studie des ECC Köln hat herausgefunden, dass auf dem Land jeder dritte Konsument mindestens einmal pro Woche online shoppt. In der Stadt zeigt nur jeder Vierte dieses Shoppingverhalten. Als Grund für die Wahl eines Onlinekanals gaben 36 Prozent der Dorfbewohner an, dass es zu weit bis zum nächsten Geschäft vor Ort ist – in der Stadt ist das nur für 16 Prozent relevant.

Stadt versus Land: Natur und Freizeit

Stadtflucht, Blick auf Bernried am Starnberger See, Foto: pwmotion / stock.adobe.com
Viele Großstädter zieht es in die Speckgürtel – sie suchen Natur, aber auch die Nähe zur Stadt. Nachteil: Diese Orte sind wie hier Bernried am Starnberger See ebenfalls teuer. Foto: pwmotion / stock.adobe.com

Die Nähe zur Natur, der Wunsch nach einem eigenen Garten und allgemein die Aufwertung der eigenen Wohnverhältnisse sind für umzugswillige Großstädter die Hauptgründe, um aufs Land zu ziehen – sie suchen Ruhe und Entschleunigung vom hektischen Stadtelen. Tatsächlich trifft der Spruch „Wohnen, wo andere Urlaub machen“ auch auf manch ländliche Gegend in Deutschland zu.

Auf der anderen Seite sollten Stadtmenschen bedenken, dass ein Bummel durch die Innenstadt oder der spontane Besuch des Lieblingscafés oder Stammitalieners nach einer Stadtflucht schwieriger wird. Auch für andere Freizeitnagebote wie Kinos, Bars oder Clubs ist vom Land aus eine Auto- oder Zugfahrt nötig. Das stört in der Regel Kinder, die in einem Dorf aufwachsen noch nicht – für die gibt es von Vereinen auch auf dem Land ein ausreichendes Freizeitangebot. Kommen die Dorfkinder allerdings ins Jugendalter, kann es zu Diskussionen kommen.

Stadt versus Land: Gesundheit

Stadtflucht, Arzt spricht über Webcam mit einer älteren Patientin, Foto: W PRODUCTION / stock.adobe.com
Ein Modell, um den Ärztemangel auf dem Land aufzufangen: Online-Sprechstunde. Foto: W PRODUCTION / stock.adobe.com

Schon sehr lange in der öffentlichen Diskussion ist der Ärztemangel auf dem Land, der in den nächsten Jahren noch zunehmen wird. Das Deutsche Krankenhaus Institut (DKI) hat herausgefunden, dass deutschlandweit bis 2030 etwa 110.000 Ärzte fehlen werden. Das DKI prognostiziert, dass deshalb insbesondere auf dem Land die dauerhafte Sicherung der Patientenversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann.

Schon jetzt schließen viele Arztpraxen in ländlichen Gebieten, weil sie schlicht keine Nachfolger finden. Das ist mittlerweile vor allem für ältere Menschen zu einem echten Problem geworden – sie müssen notgedrungen ihr Heimatdorf verlassen. Neben diesem Aspekt sollten Stadtbewohner, die einen Umzug aufs Land in Erwägung ziehen, außerdem bedenken, dass sich oft auch Apotheken in der nächstgrößeren Gemeinde befinden.

Auf der anderen Seite sind die Lärm- und Lichtbelästigung sowie die Luftverschmutzung auf dem Land geringer als in der Stadt. Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass Stadtmenschen anfälliger für psychische Erkrankungen sind: Anonymität und ein fehlendes soziales Umfeld schlägt auf die Psyche, heißt es im Buch „Stress and the City“ von Psychiater Mazda Adli.

Stadt versus Land: Nachhaltigkeit

Stadtflucht, Haus mit Auto davor, Foto: stefanfister / stock.adobe.com
Ein großes Einfamilienhaus mit mindestens einem Auto vor der Tür treibt den CO2-Verbrauch nach oben. Foto: stefanfister / stock.adobe.com

„Wer die Natur liebt, sollte ihr fernbleiben. Die beste Weise, die Umwelt zu schützen, ist, im Herzen der Stadt zu leben.“ Das behauptet Harvard-Professor Edward Glaeser in seinem Buch „Triumph oft he City“. Dort schreibt er, dass Stadtmenschen 40 Prozent weniger Energie verbrauchen würden als Landbewohner.

Eine ähnlich allgemeingültige Aussage kann für Deutschland zwar nicht getroffen werden, aus der Studie „Mobilität in Deutschland“ geht jedoch hervor, dass 56 Prozent der Landbewohner das Auto als Hauptverkehrsmittel nutzen. In der Großstadt ist das nur bei 28 Prozent der Bewohner der Fall.

Auch die Wohnfläche, die auf dem Land tendenziell größer ist als in der Stadt, treibt den CO2-Verbrauch nach oben: Pro Quadratmeter Wohnfläche werden jährlich durchschnittlich 49,7 Kilogramm Kohlendioxid ausgestoßen.

Stadt versus Land: Die Kosten – eine Beispielrechnung

Wohnen und Mobilität machen laut Statistischem Bundesamt zusammen rund die Hälfte der monatlichen Kosten aus – in der Stadt wie auf dem Land. Die Gewichtung fällt allerdings unterschiedlich aus, wie unsere Beispielrechnung für eine 4-köpfige Familie zu den Kosten für Wohnen und Mobilität in der Stadt Nürnberg und zwei Landkreisen aus der Metropolregion zeigt.

Der Landkreis Nürnberger Land liegt im Speckgürtel der Stadt Nürnberg (40-Kilometer-Radius), der Landkreis Neustadt a. d. Waldnaab deutlich außerhalb.

 Stadt Nürnberg Landkreis Nürnberger LandLandkreis Neustadt a. d. Waldnaab
Miete10,30 Euro/Quadratmeter*1
= 1.030 Euro für 100 Quadratmeter
8,90 Euro/Quadratmeter*1
= 890 Euro für 100 Quadratmeter
6,40 Euro/Quadratmeter*1 = 640 Euro für 100 Quadratmeter
Auto300 Euro*2400 Euro*2600 Euro*2
Öffentliche Verkehrsmittel67,50 Euro*3--
Monatliche Kosten für Miete und Mobilität1.397,50 Euro1.290 Euro1.240 Euro

*1Die Preise geben den Median der Nettokaltmieten bei Neuvermietung der jeweils in den Monaten Januar bis Juni 2020 und 2021 angebotenen Wohnungen (40 bis 120 Quadratmeter) wieder. Quelle: immowelt
*
2 300 Euro/400 Euro/600 Euro pro Monat für einen Wagen der Mittelklasse bei durchschnittlichen Jahreskilometern (10.000/15.000/25.000). Darin enthalten sind Fixkosten für Steuern, Sprit und sonstige Betriebskosten. Quelle: Statistisches Bundesamt
*3 Preis in Nürnberg für eine Monatskarte zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Quelle: VGN

Fazit: Leben auf dem Land – Idylle oder Preisfalle?

Mehr Natur, niedrigere Wohnkosten – weniger Einkaufsmöglichkeiten, höhere Mobilitätskosten. Das Leben auf dem Land hat gegenüber dem Stadtleben seine Vor- aber auch Nachteile. Großstädter, die Idylle auf dem Land suchen und gleichzeitig weniger fürs Wohnen zahlen wollen, müssen dafür in der Regel schon deutlich weiter von der Stadt wegziehen als ihnen lieb ist.

Für das Pendeln zum Arbeitsplatz und den Weg zum Supermarkt wird dann ein Auto benötigt, was für viele Stadtbewohner ein nicht zu vernachlässigender Kostenfaktor sein kann – auch im Hinblick auf immer weiter steigende Spritkosten. Wer das Glück hat, zumindest teilweise im Home-Office arbeiten zu können, braucht eine stabile Internetverbindung. Die ist in deutschen Dörfern nach wie vor nicht selbstverständlich. In jedem Fall sollten Großstädter vor einer Stadtflucht genau rechnen und abwägen, damit die Idylle auf dem Land nicht zur Preisfalle wird.

26.08.2021


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